Karussell fahren deluxe? – F1 2010

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Es ist schon ein paar Jahre her, dass ein offizielles Spiel zur Formel 1 Saison den Weg in den Laden gefunden hat (2007 – PS3) und noch viel länger her, dass ein offiziell lizensiertes Spiel auch für den PC in dem Läden stand (afaik Grand Prix 4 – 2002). Umso größer war der Jubel unter den zockenden Formel-1-Fans als bekannt wurde dass Codemasters sich nicht nur die Lizenz der Formel 1 gesichert hatte (nachdem Sony sie ja mehr oder weniger verrotten ließ) sondern auch noch ankündigte auf Basis der EGO-Engine (Dirt, Race Driver: GRID) ein Spiel rauszubringen.

Der Jubel und die Vorfreude hielten auch bis zum Erscheinen des Spiels an… Aber eben nur bis zum Erscheinen und damit zum Test durch die Fans. Die Aussage, dass es auch hier die berühmt-berüchtigte Replay-Funktion geben würde, ließ schon schlimmes ahnen und dass es wohl sehr in Richtung Mario Kart Arcade gehen würde, aber die Realität ist, im Augenblick, noch viel schlimmer.

Aber vorweg doch etwas positives:

Die Grafik in der sich F1 2010 präsentiert ist, wie schon bei den anderen beiden Racern aus dem Hause Codemasters, gelungen. Strecken, Fahrzeuge und Effekte sehen toll aus. Am Sound selber ist auch nichts auszusetzen und die Menüführung wurde, gegenüber den anderen Titeln, sehr stark vereinfacht.

Damit haben sich die positiven Punkte aber auch schon schnell erledigt.

Aber erstmal aufgesattelt, schließlich spielt man F1 2010 weil man sich mit den besten Fahrern der Welt messen will und das macht man am besten indem man eine Rennfahrerkarriere spielt. Die Benutzerdaten werden dieses Mal nicht in Form eines Versicherungsformulars abgefragt sondern bei einer Pressekonferenz. Auch nett, aber der Effekt ist der gleiche. Die erste Enttäuschung folgt dann auf dem Fuße… Helmdesign gibt es für menschliche Fahrer nur in den Landesfarben oder drei alternative Bemalungen, die, sorry, aber alles andere als kreativ sind. In einer Open-Wheel-Serie wie der Formel 1, wo viel Identifikation durch das Helmdesign geschieht, immerhin das einzige was man im Rennen vom Fahrer sieht, finde ich das schon ärmlich. Ich habe mich letztlich für den „kreativsten“ entschieden, der ein bisschen aussieht wie ein schottisches Kreuz in Schottenrock-Musterung.

Zumindest passt das zu Team Lotus für das ich antrete. Denn, wie auch im echten Leben, man darf nicht gleich bei einem der Top-Teams unterkommen, sondern muss sich von unten nach oben arbeiten. Aber, was wichtig ist, ist ja eh auf dem Platz der Strecke. Also raus ins Auto, schnell noch ein Schnellsetup beim Renningeneur abgeholt und gib ihm. Das detaillierte Setup, dass es angeblich geben soll, habe ich bis heute nicht gefunden, vermisse es aber irgendwie auch nicht. Trotz Testaussagen, dass das Spiel auch mit einem Gamepad fahrbar sei, trotz dessen dass ich GP2 anno 1995 mit der Tastatur gespielt habe, hat es nicht lange gedauert, bis ich festgestellt habe, dass es mit Gamepad doch nicht so präzise fahrbar ist, wie es sein sollte und bin kurzerhand auf Lenkrad und Pedale umgestiegen. Eine gute Wahl!

Leider konnten auch Lenkrad und Pedale nicht über das hinwegtäuschen was dann kam: Die Bugs, von denen man am Releasetag schon sehr viel lesen konnte, aber derart hanebüchen waren, dass sie, in einem F1-Spiel eigentlich nicht wahr sein konnten.

Das Schadensmodell

…dürfte das erste sein, dass einem auffällt, wenn man mit der Steuerung das erste Mal Bekanntschaft macht. Landläufig herrscht ja die Meinung vor, dass es sich bei F1-Autos um sensible Hightech-Prototypen handelt, die, wenn man Christian Danner und Heiko Wasser glauben darf, schon kaputt gehen können, wenn man etwas zu optimistisch über die Randsteine räubert. Ginge es nach F1 2010, dann ist das wohl gelogen.

Harter Einschlag in die Reifenstapel? Kein Problem, dann ist halt der Frontflügel kaputt. Soweit so gut… Aber zum einen ist IMMER nur der Frontflügel kaputt (Ich erinnere mich an GP2 wo ich nach heftigen Abflügen im Monocoque über den Rasen gekreiselt bin, ohne Heck oder Reifen) und zum anderen hat dieser Schaden gerade mal null Auswirkungen auf das Fahrverhalten des Fahrzeugs. Anbremsen und Einlenken weiterhin mit voller Geschwindigkeit möglich.

Ich könnte mir vorstellen, dass hier die Teams, wie schon bei anderen Spielen, ein Wort mitgeredet haben und es Bedingung war, dass nicht mehr als der Frontflügel kaputt geht. Böse Zungen behaupten ja auch, dass Ferrari sich vertraglich hat zusichern lassen, dass ihre Autos bei Promo-Bildern IMMER vorne liegen 😉

Die Verwarnungen

Wer ein derart robustes Auto hat, der könnte ja schnell auf die Idee kommen, dass man im Schneepflugmodus einfach durchs Feld auf Platz 1 pflügt. Um das zu verhindern und zu verhindern, dass man zu sehr die Strecke abkürzt, dazu später, hat man das Verwarnungssystem eingeführt. Rauscht man einem Kollegen optimistisch ins Heck: Strafe! Kürzt man eine Kurve oder Schikane zu direkt ab: Strafe!

Leider, und das ist das ärgerliche, wurde das Verwarnungssystem scheinbar situationsblind an die Kollisionsabfrage gekoppelt.

Beispiel:

Ich biege in Front liegend in die Kurve ein, der Gegner rauscht mir ins Auto: Ich bekomme die Strafe

oder

Mein Wagen kommt am Ausgang einer Kurve aufs Gras, bricht aus, stellt sich quer. Der Nachfolgende donnert mir, als ich zum Stehen komme, in die Seite (Mein Frontflügel NICHT kaputt!!!) und ich bekomme eine Zeitstrafe.

Sowas ist ärgerlich und nervt einfach nur! Und das schon nach wenigen Rennen.

Boxenausfahrt-Regel

Bei jedem Rennen im Fernsehen wird es wieder betont: Bei der Ausfahrt der Box, NICHT, NIEMALS NIE NICHT!!!, über die Linie fahren… Davon hat bei Codemasters aber noch nie jemand was gehört. Nein, die Ideallinie zieht da immer sehr zeitig wieder auf die Strecke (Hauptsache wir ham da ma ne Linie hingemacht).

Spätestens in Monaco wird einem dieses Verhalten dann sehr schnell zum Verhängnis: Wie jeder weiß, wird dort, um Unfälle zu vermeiden, die St. Devote innen abgekürzt aus der Boxengasse raus und man wird erst auf dem Weg zum Casino wieder auf die Strecke gelassen. Tja, das weiß jeder… nur die Entwickler bei Codemasters müssen da gepennt haben. Hält man sich an die Regel, dann bekommt man sehr schnell die Meldung, dass man abgekürzt hat. Zeitstrafe, Dankeschön!

Restliche Regelkunde

Auch bei der restlichen Regelkunde scheint Codemasters eher nicht so Sattelfest gewesen zu sein. Soll man überrundet werden und löst sich nicht sofort in Luft auf bzw. fährt am besten auf den Grünstreifen, damit die KI auf der Ideallinie bleiben kann, hagelt es sofort das Allheilmittel von F1 2010: Die Strafe!!! Im Gegenzug sehen es Gegner, die man überrunden möchte eher als dezenten Hinweis an, dass sie mal zur Seite fahren könnten, statt als verpflichtende Aufforderung.

Reifentechnisch, ist man auch nicht ganz so sicher, wie einem manchmal scheint. Pflicht wäre, beide Reifentypen in einem Rennen zu verwenden, also mindestens einmal an die Box zu fahren. Kann man, muss man aber nicht, wenn man die KI ist 😉 Ärgerlich wenn man die ganze Zeit auf Platz 2 hinter jemand herfährt, einmal stoppt und dann mit ca. 30 Sekunden Rückstand auf Platz 1 ins Ziel kommt.

Reifen- und Benzinsimulation und ein Boxenstopp

Überhaupt sind die Reifen ein gutes Stichwort für die nächste Ungereimtheit… Verschleiß von Reifen und Verbrauch von Benzin trifft nämlich wieder nur den Spieler. Die KI lässt Wetter und Reifenverbrauch was die Fahrkunst angeht ziemlich kalt. Während meine Reifen abbauen (und bei längeren Rennen gerne Mal einmal pro Rennen platzen) kann die KI gemütlich ihre Runden ziehen.

Wer dann in der Box steht, hat mehr oder weniger gleich doppelt die Arschkarte gezogen. Zum einen gibt es hier zufällig generierte Stopzeiten (okay, das ist noch am Rande des Realismus) zum anderen nimmt man es hier mit der „Unsafe Release“-Regel sehr ernst (das einzige Mal dass eine Regel im Spiel überkonsequent ausgelegt wird). Statt den Spieler in die kleinste Lücke zwischen zwei Fahrzeugen zu quetschen, wie es in der Formel 1 passiert, muss der Spieler warten, bis mehr oder weniger die Boxengasse leer ist. Einzige Heilmittel dass ich bisher dagegen gefunden habe: Antizyklisches Stoppen. Nicht reinkommen, wenn alle reinkommen.

Qualifying

Auch hier kann der Bug mit der Boxengasse beim rausfahren ärgerlich sein. Noch ärgerlicher ist allerdings, dass die Zeiten der KI schon feststehen, bevor man überhaupt ins Geschehen eingreift. Fahrer auf der Strecke sind nur Deko bzw. Hindernisse für den menschlichen Mitspieler. Nicht grad das schönste.

Ausfälle und Fahrfehler

Auf Ausfälle der KI kann man lange warten. Und eklatante Fahrfehler gibt es, wahrscheinlich für die Gesamtspiel-Quote, nur an einer Stelle im Rennen: In der Schikane vor Start und Ziel in Barcelona. Dort kreiselt gefühlt alle zwei Runden ein Gegner durch die Kurve.

Kreiseln ist aber auch so eine Sache. Sobald man scheinbar einen kritischen Wert überschritten hat, dreht sich das Auto… Immer gleich, immer gleich aussehend ohne Chance einzugreifen. Geschwindigkeit ist dabei auch egal. Ich fühle mich verscriptet. Zum Testen ist da auch eben jene Schikane jedem ans Herz gelegt.

Zeiten und Statistik

Zu guter letzt dann noch zwei auch nervige Bugs:

Zum einen die Zeitenberechnung. Ich weiß nicht, ob das nur an der Berechnung liegt oder ob der Spieler hier auch wieder kräftig vom Programm verschaukelt wird, aber wenn ich in einer Runde drei Sekunden (!) schneller fahre als der vor mir liegende, aber keinen Meter näher rankomme, dann kann da irgendwas nicht stimmen. Ich müsste an ihm vorbeifliegen wenn er eine 1:41er-Runde fährt und ich mit einer niedrigen 1:38er-Runde unterwegs war und nicht optisch das Gefühl haben, als würde sich das Abstand noch vergrößern.

Da kommt dann das nächste Manko ins Spiel dass das ganze etwas verschleiert: Die Information im Rennen. Was will man wissen, wenn man ein Rennen fährt: 1. die eigene Zeit und 2. den Abstand zu Vorder- und Hintermann. Hallo Codemasters, das bekommt 1. das Fernsehen hin und 2. konnte das schon GP2 1995. Hier nicht. Hier bekomme ich meine Zeit mit der Differenz zur besten Runde und die Zeit des Gegners mit der Differenz zu dessen bester Runde. Abstände… Vergiss es doch!

Fazit:

Die Liste ließe sich sicher noch sehr, sehr, sehr lange fortsetzen. Dazu sei jedem Tante Google oder das offizielle Codemasters-Forum als Lektüre ans Herz gelegt. Mein Eindruck bisher ist, dass Codemasters hier den Grafikblender des Jahres vom Stapel gelassen hat.

Dass sich irgendjemand dort irgendwann mal ein Formel 1-Rennen angeschaut hat oder auch nur einen Satz zur Regelkunde gelesen hat, halte ich für ein Gerücht.

Bei jedem anderen Rennspiel, das einfach nur, Lizenz-frei, Rennspiel ist, mag sowas durchgehen. Aber bei einem Spiel, dass mit einem solch populären Name zu Punkten versucht, kann sowas nur in die Hose gehen.

Ich bin sicher keiner der Freaks, die wie bei GTR noch die Position des Sitzes einstellen und Simulation bis in die letzte Schrauben wollen, aber das was hier geliefert wurde, ist weder Fisch noch Fleisch. Zu Simulationslastig für einen „dummen“ Arcade-Racer und zu voll mit Peinlichkeiten für eine ernstzunehmende Simulation. Wie schon im Text zu sehen ist, das ging vor 15 Jahren mit GP2 schon besser.

Ich habe nach wenigen Rennen schon das Gefühl, dass bei der Endabnahme oder beim Testen nie jemand mit einem Hauch von Ahnung um die Materie einen Finger an das Spiel gelegt hat. Oder er einfach aus irgendwelchen Gründen vollkommen ignoriert wurde.

Bleibt nur zu hoffen, dass Codemasters mit dem angekündigten Patch wieder einiges gerade biegen wird. Und selbst da kam es mir ein bisschen vor, als wäre man vom Feedback aus der Community doch sehr überrascht gewesen.

Solange gibt es von mir, für die hübsche Grafik,

Ein Reifen von fünf

3 Kommentare

  1. Verena sagt:

    Klingt ja phantastisch, örghs.

  2. sehr schön.
    spiel ich bis zum 3. patch halt noch was trackmania.
    🙂

Kommentare sind geschlossen.