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Kommt es nur mir grad so vor, oder wird der Begriff “Nerd” grad etwas inflationär von jedem beansprucht und ge-, wenn nicht sogar mis-, braucht?

Gefühlt hält sich auf einmal jeder für einen Nerd, der fehlerfrei ein i-Gerät bedienen kann, T-Shirts mit Videospielfiguren trägt, eine Wii zu Hause stehen hat, zwei Folgen BigBangTheory geschaut hat und egal ob männlich oder weiblich und meistens mit einem Gesicht bei dem man sich fragt, wer die Person da beraten hat, eine dieser Nerdbrillen trägt.

Vielleicht ist es ja ein bisschen “mein Ding” dass ich mich von dieser Zielgruppe etwas gekränkt fühle. Nerd sein war und ist für mich immer mehr gewesen. Mehr so eine Lebenseinstellung als ein Lifestyle und ich werde sicher auch noch “nerdig” sein, wenn diese Modewelle vorübergeschwappt ist.

Für mich ist Nerd sein eben mehr als ein Trend. Für mich bedeutet das, mit Gleichgesinnten stundenlang über den Werdegang der Videospiele philosophieren zu können. Darüber abschweifen zu können, dass man sich früher mangels Anleitung sein Spiel erarbeiten musste und auch nach Monaten oder Jahren durch Zufall noch neue Tastenkombinationen und Möglichkeiten entdeckt hat. Dass der NES-Kontroller eine ergonomische Katastrophe war, aber ganz neue Welten zu Abenteuern mit Mario aufgestoßen hat.

Der aber nicht nur vor dem Computer gehangen hat, sondern auch heute noch verzückt das Lächeln anfängt wenn von W10 die Rede ist und bei Sabbat nicht an einen Feiertag denkt sondern an Vampire. Der weiß wie man einen SL bei Shadowrun zum Wahnsinn treiben kann und der noch neben der Reihe der Vampire noch einen Leichenschänderzwerg im Regal stehen hat. Den einzig und allein der intensive Kostenaspekt vom Tabletop fern hält, aber das, genau wie vieles der Lego-Sets, in jedem Laden und auf jeder Messe mit leuchtenden Augen wie an Weihnachten betrachtet.

Nerd sein bedeutet für mich auch, noch erlebt zu haben, dass man in einem Adventure kein aussagekräftiges Inventar hatte, dass man sich vieles aufschreiben und malen musste und dass ich beim Zusammenhang von Kettensäge und Benzin immer noch Lachen muss, weil es für mich auf ewig einer der genialsten Eastereggs der Spielegeschichte bleiben wird.

Zum Nerd sein gehört auch, sich stundenlang mit den Listings aus der C64 herumgeschlagen zu haben, die dann nicht funktionierten, weil man irgendwo etwas übersehen, vergessen oder falsch eingetragen hatte. Nerd sein ist, dass man auch weiß, dass Spiele nicht nur auf CD oder DVD kamen, sondern auch auf Kassette und das lustige Geräusche gab.

Nerd sein ist für mich, auch heute noch das 56k-Modem oder die 128kb-RAM-Extension rumliegen zu haben, weil sie einen gewissen Nostalgiewert haben. Und ein Spiel im Schrank stehen zu haben, dass man nicht wegen des Spiels sondern Jahre später, auch aus Nostalgie-Gründen, wegen des Handbuchs gekauft hat.

Angekommen in der Welt der Nerds ist man wohl, wenn man nicht zum 18. Geburtstag ein Auto geschenkt bekommt, sondern zum 20. von seinen Eltern einen Orgnial Gameboy mit Super Mario.

Genauso spricht es wohl für das Nerd-Sein, sich immer noch kindisch über Comics zu freuen, sich Cartoons im Fernsehen mit wachsender Begeisterung zu widmen und zu wissen dass TNG mal im ZDF lief und seinen Zitatenschatz seit ARD-Zeiten aus den Simpsons füllt.

Nerd sein ist eben so viel mehr als man heute manchmal sieht.

Aber heute glitzern Vampire auch im Sonnenlicht.